Interview mit dem Oberbürgermeister über das Thema: Wie behindertengerecht ist Köthen?

Interviewer: Zum Rathaus gibt es einen ebenen Überweg. Warum gibt es solche Übergänge nicht an mehr Stellen?

Oberbürgermeister: Es ist immer eine Frage des Geldes. Wir werden auch mehr bauen, man kann aber auch umsichtiger gucken. Als Beispiel, es gab viele Leute die zu mir gesagt haben, wenn ich an der Giebelseite des Rathauses bin und ich möchte zur Commerzbank, dann fahre ich über so ein Löbejüner Porphyr Pflaster und da holpert es. Wenn ich aber ein klein wenig übers Eck fahre, jeweils abgesenkte Borde, jeweils ein ordentlicher Fahrweg, insgesamt aber vielleicht 10 Meter länger. Wir machen das ja nun schon seit Jahren und ich durfte jetzt 2 Mal dabei sein, dass der Behindertenverband von Köthen die sogenannte Rolli-Tour angeboten hat. Die Rolli-Tour wird es jetzt im Mai wieder geben, und da sucht sich der Behindertenverband Wege und Strecken aus, auf denen täglich die Rollstuhlfahrer unterwegs sind und dann gibt es Hinweise an uns wo wir was zu machen haben. So ist auch der Überweg zum Rathaus erneuert worden. Auf diese Weise haben wir auch noch andere Absenkungen gemacht und ich bin immer froh und das ist für mich hilfreich, wenn Bürger mit offenen Augen durch Köthen laufen und einem dann auch Hinweise gegeben werden wo die größten Probleme sind, man sieht nicht immer alles selber. Das ist mir wichtig, weil nur gemeinsam kann man etwas verändern, das kann der eine hier oben im Rathaus auch nicht alleine. Wir müssen dann aber auch immer miteinander abwägen, inwiefern ist das Ganze auch finanzierbar und das ist eben auch immer eine Sache die dabei eine große Rolle spielt, aber wie gesagt wir haben schon viele Borde abgesenkt und haben schon viele Furten, wie man so sagt, gebaut, das ist also schon passiert.

Interviewer: In manchen Straßen, zum Beispiel in der Leipziger Straße, ist es sehr aufgefallen, dass der Fußgängerweg sehr uneben und sehr schräg war. Wieso werden diese Wege nicht restauriert?

Oberbürgermeister: Es gab mal die Möglichkeit von Fördermitteln, dass man finanzielle Unterstützung bekommen hat. Man muss immer davon ausgehen, wenn ich in Köthen oder woanders eine Straße baue, gibt es 3 Leute die beim Straßenbau finanziell beteiligt werden. Das ist einmal der Bürger, dann ist es die Kommune und dann ist es das Land, das mit Fördermitteln unterstützt. Seit einigen Jahren gibt es dieses Förderprogramm nicht mehr so groß, das heißt sämtliche Belastungen kommen auf den Bürger und auf die Kommune. Die Kommune, die Stadt, hat nun gesagt, um eine bestimmte Gerechtigkeit hinzubekommen, Gerechtigkeit ist ja ganz schwer, deshalb sage ich eine bestimmte Gerechtigkeit hinzubekommen, werden die Straßen entsprechend klassifiziert. Das heißt eine verkehrsberuhigte Zone, eine Straße die nur Anlieger benutzen, wo kein Durchgangsverkehr für Fremde ist die also woanders wohnen aber da durchfahren müssen, da muss eben der Anlieger mehr bezahlen, weil er einen größeren Nutzen hat. Wenn aber der Nutzen für solch eine Straße oder einen Fußweg auch für Leute, die in einem Wohngebiet weiter hinten wohnen, ist, dann zahlt die Stadt mehr. Da gibt es eine Satzung, da ist das direkt aufgeschrieben und dann ist auch festgelegt welche Rangigkeit welche Straße hat und jetzt müssen wir, ich muss sagen so Leid es mir tut, uns wirklich davon leiten lassen, wo ist die Verkehrssicherungspflicht nicht mehr gegeben. Das heißt, wo ist der Fußweg in so einem Zustand, dass wenn dort jemand langläuft, dass er im Grunde genommen stolpern kann, hinfallen kann, weil der Fußweg total kaputt ist. Also wenn diese Verkehrssicherungspflicht nicht mehr gegeben ist, dann ist die Situation dann habe ich zu handeln, so haben wir in der Stadt Köthen auch einen Straßenkontrolleur, dessen Aufgabe darin besteht, die Straßen und Gehwege in einem bestimmten Rhythmus abzufahren, anzugucken, kleine Sachen selbst zu machen, aber auch zu dokumentieren, dass am Freitag zum Beispiel da noch kein Loch gewesen ist. Also am Freitag war diese Straße in Ordnung und wenn jetzt am Montag oder Dienstag dort jemand stürzt oder ähnliches, dass wir den Nachweis haben es war alles in Ordnung gewesen. Und es ist also unsere Pflicht, wenn die Verkehrssicherung nicht mehr gewährleistet ist, wenn das also eine totale Stolperstraße ist, dann gibt es gerichtliche Hinweise, wenn das Loch tiefer ist als so und so viele Zentimeter, dann ist die Verkehrssicherungspflicht nicht mehr gegeben, dann haben wir sofort zu handeln und bei anderen Gehwegen handeln wir dann wenn unser Geldbeutel das hergibt beziehungsweise dann auch der Geldbeutel der Anlieger. Dann gibt es natürlich jetzt, wir sind nochmal zurück zur Leipziger Straße, das ist nun eine sehr komplizierte Straße, weil dort stehen schon ganz lange viele Bäume und es ist auch viel Unebenheit in den Fußwegen durch das Wurzelwerk der Bäume und wir wollen ja eine grüne Stadt bleiben und jetzt haben wir ein bestimmten Kompromiss, denn so weit wie ich eine Wurzel wegnehme, geht auch oben die Krone ein und mit diesem Kompromiss muss man umgehen können. Das ist also praktisch noch ein zweiter Teil wo man eben im Endeffekt sagt, es geht noch, die Verkehrssicherungspflicht ist gewährleistet, es ist keine schöne Straße oder kein schöner Fußweg, aber ein anderer ist vielleicht wichtiger.

Interviewer: Diese Fördermittel vom Land, wieso gibt es die in der Form nicht mehr?

Oberbürgermeister: Da wurde die Gesetzeslage verändert. Das Land hat vor 3, 4 Jahren entschieden, dass es von der Gesetzeslage so ausgeht, diese Förderung bekommt der jeweilige Landkreis, so auch unser Landkreis, der Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Die Landkreise können diese Förderung für sich verwenden oder den Kommunen weitergeben. Nun bekommt der Landkreis Anhalt-Bitterfeld insgesamt für die kommunalen Straßen und seine eigenen Straßen etwas über 2 Millionen Euro pro Jahr. Diese 2 Millionen Euro reichen bei Weitem noch nicht mal für seine aus, und aus dem Grund sagt er eben können wir nur sehr wenig an die Kommunen an Förderung abgeben. Ja, also da beißt sich irgendwas, viele fragen sich, warum kommt auf diese Straße neuer Asphalt drauf, das war doch noch gar nicht nötig, und bei dieser Straße und bei diesem Fußweg da stolpert man im Dunkeln, wenn da noch eine Laterne kaputt ist, aber, das ist eben der Unterschied, die Straße wo der Asphalt abgefräst wird und neuer draufkommt, ist meist eine Bundesstraße. Der Bund kommt mit seiner Werterhaltung hinterher, vergisst aber dabei uns Kommunen Geld zu geben für unsere eigene Werterhaltung. Ob mit Absicht oder nicht, das weiß ich nicht, aber so ist es eben halt. Ich schimpfe als Bürgermeister, die Bürger schimpfen, und die schimpfen dann über mich.

Interviewer: Setzt sich die Stadt Köthen anderweitig für Behinderte ein?

Oberbürgermeister: Ja also ich habe ja grad das Beispiel genannt das wir mit dem Behindertenverband zusammenarbeiten, wenn es um Straßen, Wege und Plätze geht. Ein anderesBeispiel ist, das es angeregt ist, dass öffentliche Gebäude alle barrierefrei zu erstellen sind.Barrierefrei heißt ja, dass nicht nur der Gehbehinderte das öffentliche Gebäude erreichen kann und zum Oberbürgermeister kommen kann, sondern auch der Blinde oder der Hörgeschädigte. Wenn wir jetzt über Leute mit Behinderungen sprechen, müssen wir also mehrere Gruppen sehen und so haben wir zum Beispiel im Rathaus einen Fahrstuhl. Im Fahrstuhl wird angesagt auf welcher Etage man sich befindet, da der Blinde es ja nicht weiß und da haben wir zum Beispiel einen Teil getan. Gucken wir weiter. Alle Bushaltestellen die wir neu ausbauen, bauen wir barrierefrei aus. Es ist ja so, dass die Busse jetzt immer häufiger tiefer gelegt sind. Dass also das Aussteigen einfacher wird, aber es soll genau auf der Ebene ausgestiegen werden, wo der Fußweg begingt. Diese Höhen halten wir bei Sanierungen jetzt ein. Ganz frisch haben wir heute vom Landkreis Fördermittel bekommen, zum Beispiel für eine Buseinstiegsstelle an der Ratke Schule, sodass wir die neumachen können. Der Bordstein vorne bei den Bushaltestellen, der hat an den Steinen ja so viele kleine Hubbel. Das hat wieder mit den Blinden zu tun, dass wenn sie dort lang gehen, wissen das dort die Straße und die Bushaltestelle ist. Das sind also Sachen wo wir unserer Pflicht nachkommen und versuchen so etwas barrierefrei zu errichten. Was mich dabei stört ist der Vandalismus. Wir haben zum Beispiel erst letztes Jahr an der Sporthalle der Hahnemann Schule den Fahrgastunterstand neugemacht und jetzt sind schon wieder Seitenscheiben zerschlagen und so etwas find ich eben überhaupt nicht gut. Und ja es gibt bei öffentlichen Gebäuden noch mehr Zwänge. Gucke ich mir die Bibliothek an mit seiner Barrierefreiheit, hier haben wir noch Möglichkeiten das zu verbessern. Das muss man auch ganz ehrlich sagen, aber wir versuchen es Stück für Stück.

Interviewer: Würden Sie in Bezug auf Rollstuhlfahrer, Köthen als behindertenfreundlich bezeichnen?

Oberbürgermeister: Aus meiner Sicht ja, aber ich saß noch nie im Rollstuhl. Ich habe mal eine halbe Stunde bis eine Stunde einen Rollstuhl geschoben. Man sieht ja als Rollstuhlfahrer, Fahrradfahrer, Autofahrer, Fußgänger seine Wege immer mit ganz anderen Augen. Aus meiner heutigen Sicht sag ich ja, es ist gut ausgebaut die Stadt Köthen. Es gibt natürlich immer noch Ecken und Enden wo etwas zu verbessern ist, aber dazu kommen wir eben mit den Rollstuhlfahrern ins Gespräch um zu hören ob da die gleiche Auffassung ist, denn sie sehen es ja mit anderen Augen. Was mir zum Beispiel nicht gefällt, dass sag ich auch ganz ehrlich aber da habe ich eben kein Einfluss drauf. Wenn ich Rollstuhlfahrer bin und ich möchte in Köthens Innenstadt eine Gaststätte betreten. Komme ich in die Gaststätte rein? Das Brauhaus zum Beispiel oder das Caruso. Komm ich da rein und wo sind die Sanitäranlagen? Bei dem einem sind sie im Keller und bei dem anderen sind sie eine Etage höher, also nicht gerade gut. Im Rathaus haben wir eine barrierefreie Sanitäranlage. Ich weiß die Stadtscheune, die im Moment noch saniert wird, da werden die Toiletten alle ebenerdig eingebaut. Das ist dann wieder freundlich, wo ich aber eben kein Einfluss draufhabe.

Interviewer: Wo denken Sie gibt es das größte Problem für die Rollstuhlfahrer?

Oberbürgermeister: Wenn ich wüsste wo das größte Problem ist, würde ich mich schämen, wenn ich es nicht abgestellt hätte.

Interviewer: Grade bei den Geschäften ist uns aufgefallen, dass 3-4 Läden diese Rampen haben um in den Laden mit einem Rollstuhl reinkommen zu können und die anderen Läden teilweise so unpraktisch hohe Stufen haben, dass man ohne Hilfe erst gar nicht und mit Hilfe sehr beschwerlich reinkommt. Wogegen sie jetzt nichts machen können, weil es privat ist.

Oberbürgermeister: Aber das könnt ihr in euren Artikel reinschreiben und dann bin ich ja Mitglied der Köthener Werbegemeinschaft. Das heißt nicht Ich, sondern die Stadt Köthen. Und das ist ja überhaupt nicht schlimm, wenn man als Werbegemeinschaft den Behindertenverband einladen und ihn einfach mal fragen ob er als Behindertenverband für seine Mitglieder Probleme in der Innenstadt sieht. Und vielleicht sagt der Behindertenverband, es gibt von mir einen Aufkleber an die Schaufensterscheibe eines Ladenlokals, dass jeder Behinderte weiß wo er reinfahren kann und ordentlich bedient wird.

von Maximilian Amthor und Max Fritsche aus der Klasse 9D des Ludwigsgymnasiums Köthens

 

1 Kommentar zu „Interview mit dem Oberbürgermeister über das Thema: Wie behindertengerecht ist Köthen?“

  1. Lutz Würbach

    Das ist ein inhaltsstarkes Interview. Respekt, dass Ihr Euch getraut habt, den Oberbürgermeister zum Thema zu befragen. Wie heißt der OB noch mal? Tja, der Name findet sich leider im gesamten Text nicht. Was habe Ihr versäumt? Ein Interview brauch ein paar einleitende Sätze. In ihnen wird erklärt, wer mit wem worüber gesprochen hat. Ihr geht gleich mit der ersten Frage in die Vollen. Und noch ein Hinweis: Ein paar Antworten sind schlicht zu lang. Ich hätte sie gekürzt – oder sie mit einer Nachfrage in zwei Teile aufgegliedert. Lange Antworten wirken nämlich auf viele Leser eher abschreckend. Aber das nur der Vollständigkeit halber – das Lob soll unbedingt überwiegen. Den nächsten Interview gebt Ihr einen Vorspann und schon ist die Sache perfekt.

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