Goldglänzende Steine gegen das Vergessen

Die Schüler des Südstadt-Gymnasiums in Halle ehren jährlich zwei hallesche Opfer des Holocaust an den von ihnen gesponserten Stolpersteinen.

Von Jasmin Schierhorn und Antonia Krepp

Halle/SüdGym – Ein Lebenslicht und drei weiße Rosen – dies sind die äußeren Zeichen des Gedenkens der Schüler an zwei jüdische Frauen, die dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen. Diese Tradition wird jedes Jahr von den Südstadtgymnasiasten und ihren Lehrern durchgeführt, damit die schrecklichen Verbrechen der Nazis, aber vor allem das Schicksal der Opfer, nicht in Vergessenheit geraten.

Ein Gedenkbuch für die Opfer

Zunächst begann alles mit einem ehemaligen Lehrer unseres Gymnasiums, Volkhard Winkelmann, welcher mit einer Gruppe von Schülern während einer Projektwoche im Jahre 1994 das Schicksal der in den Tod getriebenen halleschen Juden recherchierte, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Dieses Projekt wurde über viele Jahre weitergeführt und es entstand ein ,,Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle und Umgebung“.

Stolpersteine werden gesponsert

Gleichzeitig erfuhren die Projektteilnehmer, dass der Künstler Gunter Demnig sogenannte Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer des Holocaust in mehreren Städten Deutschlands verlegt hat. Diese Idee nahmen sie auf. So sponserten Lehrer, Schüler und die technischen Kräfte unserer Schule im Jahre 2003 zwei Stolpersteine, die im Jahre 2004 sowie 2006 von Gunter Demnig verlegt wurden. Seitdem ehren wir jedes Jahr am 9. November Martha Dittmar im Falkenweg 7 und Henriette Sauer in der Benkendorfer Straße 72. Beide Frauen wohnten im Einzugsgebiet unseres Gymnasiums.

Das Schicksal der beiden Frauen 

Der 9. November ist ein historisches Datum: An diesem Tag im Jahre 1938 zertrümmerten SA- und SS- Männer die Schaufenster jüdischer Geschäfte, demolierten und verwüsteten Wohnungen jüdischer Bürger, misshandelten diese, setzten ihre Gottes- und Gemeindehäuser und die Synagogen in Brand.

Bis 1945 wurden Millionen Juden in Konzentrations– oder Vernichtungslager gebracht und in Auschwitz, Treblinka oder Sobibor ermordet, auch fast alle halleschen Juden.

Henriette Sauer und Martha Dittmar fielen den nationalsozialistischen Rassegesetzen zum Opfer. In denen stand z.B., dass jüdische und nichtjüdische Männer und Frauen keine Ehe eingehen durften. Henriette Sauer half ihrem jüdischen Sohn, sich mit seiner nichtjüdischen Freundin zu treffen. Dies galt als ,,Gewährung der Gelegenheit zur Unzucht“, das heißt, sie hatte die Treffen ihres nach Nazigesetz halbjüdischen Sohnes mit seiner nichtjüdischen Freundin in der elterlichen Wohnung gestattet. So fiel Henriette Sauer dem eingeführten Nazigesetz zum Opfer, welches anordnete, ,,straffällig“ gewordene Juden nach der Strafverbüßung in ein Konzentrationslager einzuweisen. Martha Dittmar wurde von ihren Hausnachbarn denunziert, und dann verhaftet, und zwar wegen angeblicher „Vorbereitung zum Hochverrat“, wegen ihrer ,,aktiven Mitarbeit in der kommunistischen Judenbewegung“. Sie wurde in das Konzentrations- und spätere Vernichtungslager Auschwitz überstellt. Der wirkliche Grund: Sie war Jüdin. Sie ist vermutlich bei einem der schrecklichen Todesmärsche aus dem Lager umgekommen.

Die Tradition des Gedenkens

Jedes Jahr am 9. November gehen Schülergruppen gemeinsam mit Lehrern in den Falkenweg 7 und in die Benkendorfer Straße 72, um an den Stolpersteinen Martha Dittmar und Henriette Sauer zu gedenken.
Zuerst informieren wir über die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland, danach sprechen wir über das Schicksal der beiden Frauen und tragen ihnen zu Ehren ein kleines Gedicht vor. Dann legen wir drei weiße Rosen nieder und entzünden ein Lebenslicht.Uns liegt diese Tradition sehr am Herzen, da wir die schrecklichen Schicksale auf diese Weise vor dem Vergessen bewahren wollen. Denn nur, wenn wir uns an deren Leid erinnern, bleiben wir wachsam, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Deshalb rufen wir während der Gedenkveranstaltung zu mehr Verständnis für andere Menschen und zu gegenseitiger Achtung und Toleranz auf.

Informationen zum Gedenkbuch unter:

http://www.gedenkbuch.halle.de/gbanzeigen.php?gb=halle
Bild
Stolperstein von Martha Dittmar                                                  FOTO: Decker

 

 

2 Kommentare zu „Goldglänzende Steine gegen das Vergessen“

  1. Ein ebenso ernstes wie wichtiges Thema. Ich finde, Ihr habt die Geschichte auch ausgezeichnet aufgeschrieben. Gute Arbeit. Was mich auch berührt, ist die Tatsache, dass Eure Schule das Gedenken nun schon mehr als 20 Jahre pflegt. Respekt.

  2. Martha Dittmar war die erste Ehefrau meines 1993 verstorbenen Großvaters, Max Dittmar (geb. 1906).

    Marthas Briefe, die sie aus dem KZ an ihren Mann geschrieben hat, liegen mir im Original vor. Diese kann ich der Schule bei Interesse gerne als Scan zukommen lassen.

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